Rede der Jahreshauptversammlung vom 16. Januar 2012
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ja, da saß ich vor meinem PC, um diese Rede zu schreiben und mir fiel nichts Positives ein, was ich Ihnen berichten könnte. Das einzige, was mir einfällt, ist: vor drei Jahren standen wir schon viel besser da als heute. Ich habe Ihnen eine Zusammenstellung gemacht mit Überschriften aus den Zeitungen der letzten Jahre.
Wo stehen wir heute? Wir sind kaum weiter als vor neun Jahren, als wir den Förderverein gegründet haben, aber es gibt einen Bebauungsplan und eine einstimmige Absichtserklärung des Gemeinderates für das Haus auf einem zentrumsnahen Grundstück zwischen Lidl und Heizkraftwerk. Das heißt also, in einem Jahr feiern wir Zehnjähriges und wir haben praktisch nichts vorzuweisen. Dabei hat man uns schon mal angedeutet, dass wir zum 10. Geburtstag ein Haus sehen können, und wenn es nur ein Rohbau ist. Was ist schuld an dieser Entwicklung?
Es gibt eine Antwort, die allgemeingültig ist: die Gemeinde hat kein Geld mehr. Als Unterantwort gilt: Eon ist weg. Das allein ist ja schon schlimm genug, aber es tut sich fast nichts mehr in Sachen Gewerbesteuer. Es gäbe ein Grundstück für ein neues Gewerbegebiet (das an der Schleißheimerstraße), aber ein Bürger-entscheid hat es verhindert. Wenn die Gemeinde dort ein Gewerbegebiet ausweisen und die parzellierten Grundstücke verkaufen hätte können, wäre so viel Geld in den Gemeindesäckel gewandert, dass man nicht nur die Seniorenvilla, sondern auch viele andere soziale Einrichtungen hätte verwirklichen können.
Demokratie lebt von und mit freier Meinungsäußerung und freien Entscheidungsmöglichkeiten. Warum sind die Bürgerinnen und Bürger denn nicht ins Wahllokal gegangen, um das Ansinnen der Initiative zurückzuweisen? Sie wären es doch gewesen, das Schlamassel zu verhindern. Sind wir denn wirklich schon so politik-müde, dass uns nur noch interessiert, was hundert Meter im Umkreis um unsere eigene Wohnung passiert? Wollen wir denn zur schweigenden Mehrheit werden und einer gut organisierten Minderheit das Feld überlassen?
Ich bin nicht nur wegen der immensen Verschiebung der Verwirklichung unseres Projektes erschüttert, sondern auch darüber, dass es heute nicht mehr gelingt, Leute für Positives zu mobilisieren. Nur noch wenn man irgendwo dagegen sein kann, dann sind Menschen zu begeistern. Bad news are good news......
Was bleibt uns vom Förderverein also noch übrig? Sollen wir aufhören, das bisschen Geld, das angesammelt wurde, an eine soziale Einrichtung spenden und das Projekt sausen lassen?
Wer das denkt, der kennt uns schlecht. Von unseren Eltern haben wir gelernt: Jetzt erst recht. Wir geben nicht auf, und wenn wir nächstes Jahr Zehnjähriges haben, dann wollen wir nur noch Positives hören. Wir werden ein Haus bekommen, bloß wann, weiß niemand.
Einer unserer Vorstandskollegen hat kürzlich gesagt: Da haben wir gedacht, wir könnten die Bewohner in der Seniorenvilla betreuen, inzwischen werden wir wohl diejenigen sein, die betreut werden müssen.
Mit dem heutigen Tag haben wir 86 Mitglieder, es werden also kontinuierlich mehr. Auch wenn einige wieder abgesprungen sind, weil sie sich anderweitig orientiert haben - es hat ihnen zu lange gedauert. Beiträge werden auch im kommenden Jahr nicht kassiert, weil wir außer Büromaterial keine Ausgaben haben. Erst wenn sich etwas tut, dann müssen wir über Beiträge sprechen. Es ist auch nicht sinnvoll, Geld anzuhäufen, weil uns sonst das Finanzamt zur Kasse bittet.
Wenn Sie wissen wollen, wie es mit den Finanzen steht, dann lauschen Sie im Anschluss unserem Kassier Uwe Hasselhorst. Und wenn Sie hören wollen, wie eine ähnliche Einrichtung in Haimhausen funktioniert, dann hören Sie unseren Gästen zu, die dieses Haus für betreutes Wohnen dort managen. Die Idee für eine solche Einrichtung im sozialen Wohnungsbau hatten wir übrigens schon vor den Haimhausern, aber dort war man schneller. Da wohnt man schon drinnen.
Vor ein paar Wochen habe ich in der Zeitung gelesen, dass Senioren-WGs im Kommen sind, wir liegen also voll im Trend. Es wurde ein Modell geschildert von einem Paar im Rottal, das eine solche WG gründen will. Etwa zur selben Zeit habe ich im Fernsehen einen Beitrag gesehen, der von einer Seniorinnen-WG berichtete, die offensichtlich fehlgeschlagen war. Da hatten sich mehrere ältere Frauen eine große Wohnung gemietet, in der alle ein eigenes Zimmer hatten, Küche und Bad aber teilen mussten. Beide Veröffentlichungen bestätigen meine Meinung, die ich seit langem habe: eine derartige Gemeinschaft kann nur funktionieren, wenn jeder seinen eigenen Bereich hat, seine eigene Küche und sein Bad. Es muss so konzipiert sein, dass man sich auch völlig zurückziehen kann, wenn einem danach ist.
Die Einrichtung in Haimhausen läuft – so weit ich schon vorab informiert bin – sehr gut, es gibt eine ziemliche Warteliste. Ich bin gespannt, was uns die Damen aus Haimhausen nachher berichten.
Mein herzlicher Dank geht an meine Kolleginnen und Kollegen aus dem Vorstand und auch an Sie, unsere Mitglieder. Ich appelliere an Sie alle, weiter-zumachen – es wird sich lohnen, aber ob wir das noch erleben? Spätestens dann, wenn die Gesellschaft und die politischen Gremien über Altenbetreuung ebenso viel nachdenken wie über Kinderbetreuung.
Alt werden wir von alleine – und das trifft auf jeden zu. Da muss man nicht nachhelfen. Kinderbetreuung muss sein, um die jungen Leute dazu zu animieren, Kinder in die Welt zu setzen. Das ist der Unterschied. Wenn ich dieses Thema bei Politikern anschneide, dann bekomme ich zur Antwort: Kinderbetreuung ist eine Pflichtaufgabe der Gemeinde, Altenbetreuung nicht. Warum also kümmert sich die Stadt München derzeit um die Alten und um eine Verhinderung von Altersarmut? Sie wissen es: das Wohnen wird immer teurer, die Renten immer weniger und wie soll man dann im Alter nicht verarmen? Es muss vorgebeugt werden, denn sonst fallen immer mehr Senioren dem Staat in Form von Sozialhilfe zur Last.
Es wird immer nur sehr kurzfristig gedacht, aber von Nachhaltigkeit geredet. Wenn man sich mit Fachleuten unterhält, dann erfährt man, dass ältere Menschen umso später Pflegefälle werden, je positiver sie ihr Leben sehen und dazu gehört auch eine Wohnsituation, die man sich leisten kann, die mit gegenseitiger Hilfe funktioniert und von der man weiß, dass man dort länger leben kann als zum Beispiel in einem Haus mit einer Menge Treppen und einem nicht behindertengerechten Bad.
Ein Beispiel: eine alte Frau ist 89 und lebt noch in ihrer angestammten Wohnung. Diese ist mit vier Zimmern viel zu groß, sie möchte sich verkleinern. Auch braucht sie Hilfe im Haushalt und beim täglichen Waschen und Anziehen. Ihre Wohnung ist zwar nicht behindertengerecht, aber aufgrund eines Aufzuges im Haus kann sie sie noch relativ gut erreichen. Wenn sie in eine behindertengerechte Wohnung umzieht, wie sie gegenwärtig in der Rothschwaige angeboten werden, zahlt sie dafür über 900 € warm für zwei Zimmer. Den täglichen Besuch einer Krankenschwester müsste sie selbst organisieren, so wie jetzt auch. Für ihre 4-Zimmerwohnung zahlt sie jetzt knapp 800 Euro, ein Umzug lohnt sich also nicht. Ihre Rente beträgt etwa tausend Euro, das heißt, ihre Kinder unterstützen ihre Mutter jeden Monat mit 450 Euro. Da die alte Dame Pflegestufe eins hat, käme auch ein Umzug in ein Heim infrage – und genau das steht jetzt im Raum.
Für sie selbst würden die Kosten so aussehen: Aufzahlung im Heim etwa 18-hundert Euro, den Rest bezahlt die Pflegeversicherung in Höhe von gut 800 –Euro. Die Kinder würden mit dem selben Betrag einspringen wie bisher, also 450 Euro.
Dann schaut die Rechnung so aus:
1800 fürs Heim, davon 900 aus der Rente (100 € darf sie als Taschengeld behalten, zum Beispiel für Friseur oder Fußpflege). 450 € bezahlen die Kinder, den Rest in Höhe von 450 Euro zahlt dann das Sozialamt. Ob das auf Dauer für die Behörden billiger kommt als eine Sozialwohnung, in der die Frau noch einige Jahre relativ selbständig leben kann? Ich bezweifle das!
Sehen Sie genau so denke ich. Es ist auf lange Sicht billiger, Sozialwohnungen zu bauen, die alten Leute sich selbst versorgen zu lassen und eine Pflege-bedürftigkeit noch einige Jahre hinauszuzögern.
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